Geschichte der Hildebrandschen Mühle


Vom Kloster zum Freudenhaus?

Das Müllerhandwerk ist eines der ältesten Weinheimer Gewebe, vielleicht sogar das älteste. Schon in der Lorscher Zeit gab es acht Mühlen in Weinheim. Sie standen im Grundelbach- und im Weschnitztal.
Die älteste Mühlenform war die Handmühle. Mit ihr wurden die Getreidekörner zwischen einem Bodenstein und dem im Takt hin und her bewegten Reibestein zerquetscht. Die Handmühle wurde von der Rossmühle abgelöst. Nun wurden die schweren Mühlsteine nicht mehr von Menschenkraft bewegt, sondern von einem im Kreis laufenden Pferd.
In Weinheim stand eine solche Rossölmühle bis ins 18. Jahrhundert gegenüber dem früheren Krankenhaus am Grundelbach.
Sehr früh wurde auch zum Betreiben einer Mühle die Wasserkraft genutzt. Überall, wo Wasser mit einem ausreichenden Gefälle floss, entstanden Wassermühlen. Das war auch in den Tälern Weinheims der Fall. So hat beispielsweise die Weschnitz auf der zwei Kilometer
langen Strecke von der Ortsgrenze Birkenaus bis an die Weinheimer Peterskirche ein Gefälle von rund 30 Metern.

Die hiesigen Mühlen waren früher Besitz des Klosters Lorsch. Weinheim unterstand fast 500 Jahre dem Kloster Lorsch. Es hatte eine günstige Lage zum Kloster und gut ausgebaute Straßen. Es war daher ein bedeutender Ort für das Kloster. So kamen vor allem die Gläubigen aus den Dörfern der Bergstraße und den beiden Odenwaldtälern durch Weinheim. Begünstigt durch diese Entwicklung tauchten nun Handwerker auf. Sie entsagten der Scholle und wendeten sich dem Gewerbe zu. Sie suchten Absatzgebiete für ihre Produkte und sie fanden Absatzquellen bei den Wallfahrern und Durchreisenden.

Im Jahr 1000 erhielt Weinheim von Kaiser Otto III. das Marktrecht. Es kamen Kaufleute als Handelstreibende nach Weinheim und hier erfolgten die Vermarktung der großen Weinproduktion der hiesigen Lorscher Güter und der Absatz des Mehls aus den vielen Mühlen des Klosters.

Später waren die Mühlen kurpfälzisches Eigentum.

• Die bedeutendste Mühle in Weinheim war zu allen Zeiten die Hildebrand’sche Mühle. Im Verlauf ihres Bestehens hatte sie
viele Namen, z.B. untere oder vordere Lohmühle, WeschenzMühle, Mengesse Mühl, untere Mühle und Seitzenmühle. Die Mühle war ursprünglich eine Mahlmühle, später eine Lohmühle, dann Mahl-, Öl- und Schneidemühle wie auch Hanfbreche und Gipsmühle

• Der Lorscher Kodex erwähnt (Codex I, p.252, Nr. 153) eine herrschaftliche Mühle zu Winenheim (molendinum dominicale),die um 1071 der Lorscher Probstei gehörte und unter dem Abt Folkland (1142-1149) samt dem Zehntrecht wieder im Besitz des Klosters gewesen ist. Über den Besitz dieser Mühle hat König
Heinrich IV. festgesetzt, dass kein Abt ihn verringern, für sich selbst benutzen oder einem Ritter zu Lehen geben dürfe.

• Karl Zinkgräf, der eine bedeutende Abhandlung über die Weinheimer Mühlen verfasst hat („Die ehrbare Bäcker- und Müllerzunft in Weinheim“), nimmt an, dass es sich bei dieser Mühle um die spätere Hildebrand’sche Mühle handelte.

• Er behauptet auch, dass diese Mühle bereits zur Römerzeit bestand, was er aus dort gefundenen römischen Ziegeln und Münzen schließt und

• dass sie in der Lorscher Zeit von Mönchen bewirtschaftet wurde. Das ergebe sich aus den Fundamenten kleinerer viereckigerKammern, die er für Mönchzellen hielt.

• 1824 erwähnt J. Rieger, dass die an der Weschnitz liegende „Seitzenmühle“ ein „Nonnenkloster“ gewesen sei. Zitat: „Die Bauart bestätiget die Vermuthung“.

• Auch der frühere Weinheimer Bürgermeister Albert Ludwig Grimm war der Ansicht, dass früher auf dem Gelände der Hildebrand’schen Mühle ein Nonnenkloster, das Vorgängerkloster des Stifts Neuburg in Ziegelhausen, war. Er sieht das im Zusammenhang mit der Neumaurerspforte mit einem gotischen Bogen, die früher am rechten Weschnitzufer gegenüber der Mühle stand.

• Für die Existenz eines Klosters gibt es allerdings keine Belege.

• Die erste sichere urkundliche Erwähnung der Hildebrand’schen Mühle als „Mahlmühl zue Weinheim an der Weschnitz gelegen“ erfolgte am 27.09.1465.

• Eine Urkunde über die Verleihung „unserer Müle by Winheym gelegen, genannt die Weschenz Müle“ durch Pfalzgraf Friedrich bey Rhein an Peter Müller von Birkenau „zu einem ewigen Erbe gegen jährlich 20 Malter gutes Korn Weinheimer Maß“ ist vom 01.04.1471.

• Die Mühlen waren jetzt kurpfälzisches Eigentum. Aus den Ratsprotokollen der Stadt Weinheim von 1664 ergibt sich z.B., dass von den 6 hiesigen Mühlen 5 in die kurfürstliche Kellerei „Pfacht“ zu zahlen hätten. Die meisten Mühlen in Weinheim waren bis Mitte des 18. Jahrhunderts Genossenschaftsmühlen.
Jede einzelne hatte mehrere Eigentümer, die den Ertrag teilten. Nur selten blieben die Mühlen längere Zeit im Besitz einer Familie.
Die Mühlen waren von den Eigentümern an „Beständer“ verpachtet. Die Beständer oder Erbbeständer waren die Müller, die die Mühle betrieben. Sie mussten eine jährliche Pacht in Geld oder Naturalien an die Kurfürstliche Kellerei oder an spätere andere Eigentümer bezahlen. Bei den zu entrichtenden Naturalien sprach man zum Beispiel von „8 Malter Korn, einem Eimer Müllemer Beetwein, und zwei Kappen (Kapaunen)“.

• 1500 betreibt der Müller Nickel Hornigk die Weschnitzmühle. Bald darauf wird sie an Doktor Johannes Pfau aus Eppingen (Doktor beider Rechten und Ordinarius. Lektor in studio zu Heidelberg) verkauft.

• Dr. Johannes Pfau und seine Hausfrau Barbara Daschenmächerin verkaufen am 22.04.1542 dem „Ehrsamen Wolf Seytzen“, Bäcker, Müller und Bürger zu Hemsbach, die Mühle, die damals „Weschensmühl“ genannt wird, mit „Haus, Höfen, Scheuer, Ställen, Gärten, Büschen und allem Begriff und Zugehörde ob und unter der Erde“ für 1.025 Gulden. Von nun an wird die Mühle Seitzenmühle genannt.

• Die Mühle ging von Wolf Seytz durch Erbschaft auf dessen Sohn Hanns Seitz und seine Tochter Elisabeth über.

• Neben den Müllern gab es viele Weinheimer Bürger, die an der Mühle Anteile hatten. Es wurden so genannte „Taggerechtigkeiten, Mühltage und Tagwerke“ verkauft. Beispielsweise wurde der „drittig Teil an 10 Tagen“ verkauft, das heißt, der Käufer hatte an 3 ½ Tagen pro Woche das Recht, für sich zu mahlen,
während die anderen Miteigentümer ²/³ Anteil also 6 ²/³ Tage arbeiten durften.

• 1617 gehört die „Weschnitzmühle“ als Genossenschaftsmühle mehreren Anteilsbesitzern.

• 1766 wird die Seitzenmühle als Mahl-, Öl- und Schneidemühle erwähnt; sie gehörte zu der Zeit 12 Anteilseignern.

• Friedrich Peter Wundt hat in seiner Beschreibung der pfälzischen Bergstraße von 1794 geschrieben: „Den 1. Jenner 1792 zählte man in der Stadt 7 Mahl-, Öl-, Lohn- und Walkmühlen. Darunter ist die Seitzische an der Weschnitz, die zwölf Bürgerfamilien zustehen, die beträchtlichste, indem sie außer dem darum
liegenden Garten- und Ackerfeld noch einen schönen Districkt Waldung als Eigentum besitzt. Sie muß sehr einträglich sein, weil der Beständer jährlich der Gesellschaft abgibt 101 Malter Korn, 75 Malter Spelzenkern, 125 Malter Gerste, 1200 Stück Ölkuchen, 3 Malter gerollte Hirsen und Gerste, 25 Säcke zu Viernzel (ein solches von ¼ Malter, also zusammen 125 Viernzel = über 31 Malter) und 80 Gulden an Geld. Die Mühl hat aber auch das Vorrecht, dass man alle Früchte, die man darauf will mahlen lassen, hinführen muß und der Beständer also nicht nötig hat, zu diesem Behufs einiges Fuhrwerk zu unterhalten.
Er muß außerdem der churfürstlichen Hofkammer jährlich 22 Malter Korn entrichten und noch einige andere kleine Lasten tragen.

• Die damals einer Genossenschaft gehörige Seitzische Mühle scheint hiernach die einzige Weinheimer Kundenmühle gewesen zu sein, wohin der Bürger und Bauer selbst sein Getreide bringen mußte. Mußte es aber der Müller bei seiner Kundschaft holen, so schlug er die Kosten dafür auf den sogenannten Multer oder Malter, den Mahllohn“.

• 1768 gibt es eine Erwähnung der „Mühlen-Interessenten“ Philipp Leist, Philipp Keller, Peter Vogler, Anton Keßler, Friedrich Meyser und Jakob Mathes.

• 1770 wird Philipp Dell als Seitzenmüller erwähnt.

• 1804 verweigern die Mühlen-Interessenten der „Seitzenmühle“ den Eintritt in die Weinheimer „Ehrsame Bäcker- und Müllerzunft“.

• Am 14.02.1845 erwerben die Brüder Heinrich und Louis Hildebrand aus Worms die Anteile der „im Birkenauer Thale gelegenen sog. Seitzenmühle sammt aller Zubehörde und Gebäulichkeiten mit dem zur Mühle gehörigen Feld und Wald [..]“ von 13 Mühlen-Interessenten zum Preis von 29 606 Gulden.

• Am 27.03.1845 ersteigern die Brüder Hildebrand den Mühlenanteil von Christine Heuß für 1 500 Gulden, am gleichen Tag steigern sie auch den Anteil der Bauer‘schen Erben für 750 Gulden. Die Brüder Hildebrand sind nun alleinige Besitzer der Mühle „nebst Oekonomiegebäuden“.

• Am 16.06.1845 erhalten die Brüder Hildebrand die Genehmigung des Weinheimer Bezirksamtes, nach dem Teilabbruch der vorhandenen Gebäude einen „Wohnhaus- und Ölmühlbau“ zu errichten.

• 1848 wird auf acht Mahlgängen Gerste gerollt und auf vier
Gängen Roggen und Weizen gemahlen.

• 1857 scheidet Louis Hildebrand aus dem Mühlenbetrieb aus. Er wird 1858 noch als Mitglied der Bäcker- und Müllerzunft genannt.

• Am 22.01.1858 lassen Heinrich und Louis Hildebrand die „im Weschnitzthal gelegenen zwei 2stöckigen Wohngebäude mit Mühlgebäude und Zubehörden“ öffentlich versteigern. Heinrich Hildebrand ersteigert die Mühle für 112. 900 Gulden. Die „halbzerbrochene Mühle“ wird vollständig abgerissen und als moderne Kunst- und Handelsmühle neu errichtet. Das wöchentliche Mahlquantum beläuft sich auf 600-700 Säcke zu 100 Kilogramm. In Böllberg/Halle erwirbt Louis Hildebrand eine Kundenmühle,die ab 1863 zu einer modernen Industriemühle ausgebaut wird.

• Am 19.11.1858 wird der Bau eines Mühlkanals (Niederwasser-Rinne) behördlich genehmigt. Vermahlen werden Perlgerste, Hirse, Roggen und Weizen.

• Am 7.11.1861wird die Verlängerung des Mühlkanals (flussabwärts) behördlich genehmigt.

• 1864/65wird eine erste „Hülfs-Dampfmaschine“ mit 25 PS wird angeschafft. Das Vermahlquantum kann dadurch auf 1.000 Säcke zu 100 kg gesteigert werden. Die Gerstenrollerei wird aufgegeben. Später wird eine weitere Dampfmaschine mit 100 PS angeschafft, außerdem wird eine Hartweizenmühle eingerichtet.

• Am 06.04.1866 schenkt der”Kunstmühlenbesitzer“ Heinrich Hildebrand seinem Sohn Georg „zwei zweistöckige Wohnhäuser mit Mühlengebäuden im Weschnitzthal, nebst Zubehörden um den Abschlag von 85.000 Gulden“.

• 14.04.1874: „Kunstmüller“ Georg Hildebrand kauft die „Kinscherf‘sche Mühle“ (Obermühle) für 60.000 Gulden. Die Obermühle wird ebenfalls Hildebrand’sche Mühle genannt.

• Am 20.02.1879 genehmigt das Bezirksamt Weinheim den Bau eines Steges über die Weschnitz und den Kanal unterhalb der Unteren Mühle.

• 1880 sind in der Mühle 55 Arbeiter beschäftigt. Das Vermahlungsquantum beträgt 70.000-80.000 Doppelzentner.

• 1882 wird die repräsentative Villa errichtet. Für das Treppenhaus werden die alten Eichenbalken der abgebrochenen Mühle verwendet.

• Am 09.09.1883 stirbt Heinrich Hildebrand.

• Am 26.01.1883 erwirbt Georg Hildebrand die Goos'sche Mühle zum Preis von 28.000 Mark.

• Die Kinscherf'sche und Goos'sche Mühle nutzen einen gemeinsamen Mühlkanal, die Gesamtmahl leistung der nun zur „Oberen Mühle” zusammengelegten Mühlen erreicht 1.500 dz pro Tag.

• 1890/91 studiert Georg Hildebrand auf einer Englandreise die „Automatische Müllerei“.

• Er lässt 1891/92 alle Einrichtungen „herausreißen“ (Zitat) und die Mühle durch die Firma Henry Simon aus Manchester umbauen. Die Mühle wurde völlig abgetragen. Es entstand eine Kunst und Handelsmühle, die mit modernen Müllereimaschinen ausgerüstet wurde. So genannte Wegmann‘sche Walzenstühle (Walzenprinzip) ermöglichten den „vollautomatischen Betrieb“. Eine Dampfmaschine mit 300 PS lieferte die benötigte Energie. Vermahlen wurden wöchentlich 10.000 Sack Getreide aus Amerika, Russland und den Donauländern. Georg Hildebrand baute in Weinheim die erste vollautomatische Großmühle der Welt und erneuerte zwischen 1875 und 1895 dreimal den gesamten Maschinenpark.

• Am 09.12.1893 beantragt die Firma Hildebrand ein Anschlussgleis an die Badische Eisenbahn.

• 1895 erhält sie den Gleisanschluss.

• Nach Plänen des Gewerbe-Oberlehrers Otto Haßlinger wird 1895 mit dem Bau des 40 m hohen Turmsilos begonnen. Der in Ziegelmauerwerk aufgeführte Turm hat eine Lagerkapazität von 5.000 Tonnen (50.000 Sack Mehl). Im Inneren werden 36 hölzerne Fächer für die Lagerung des Mehls eingebaut, die Holzkonstruktion
wird durch drei Waggonladungen Nägel zusammengefügt. Die Bauarbeiten werden durch die Firma Georg Hopp ausgeführt.

• Der wehrturmähnliche Siloturm stellt eine Reminiszenz an die zeitgenössische Burgenromantik dar. Er gilt heute als das bedeutendste technische Baudenkmal des Historismus im Rhein- Neckar-Kreis. Als Kern und Krönung der Mühlenanlage ragt der Siloturm weit über die in der Höhe gestaffelten Bauten hinaus.
Er bildet die städtebauliche wichtigste Dominante direkt am Talausgang und korrespondiert auf reizvolle Weise mit den stilistisch verwandten neoromanischen Türmen der Peterskirche und der Wachenburg. Sein burgenartiger Charakter ist ebenso wie die Klinkerfassade ein zeittypisches Erscheinungsbild der Industriearchitektur gerade bei Silos oder anderen Turmbauten im wilhelminischen Deutschland. Die rein funktional bestimmte Nutzung wird mit einer spätromantisch verklärten, wehrhaften Burgenfassade verhüllt. Zugleich ist diese Festung stolzer Ausdruck patriarchalischer und kapitalistisch-imperialistischer Bedeutung solcher Industrieanlagen.

• 1896 ist der Turmsilo fertig gestellt. Ein zeitgenössisches Werbeplakat gibt die wöchentliche Mahlleistung der Mühle mit 10.000 Sack an. Gearbeitet wird im Tag- und Nachtbetrieb, bei großem Arbeitsanfall auch an Sonntagen. Das Absatzgebiet erstreckt sich auf ganz Süddeutschland. Eine Schrift über die Badische Großindustrie nennt 1896 die Untere Hildebrandmühle „eine der größten Europas“.

• Am 27.05.1899 genehmigt das Bezirksamt Weinheim anstelle der vorhandenen hölzernen Kohlenbrücke den Bau einer eisernen Brücke über die Weschnitz.
In der unteren Hildebrand‘schen Mühle arbeiten 133 Arbeiter. Mit 58 Weizenstühlen werden 5.888.000 dz Getreide vermahlen.

• 1900 zerstört ein Hochwasser die Brücke über die Weschnitz.

• Am 20.05.1900 genehmigt der Bezirksrat, die Mündung des Mühlkanals 65 Meter flussabwärts zu verlegen.

• Am 19.01.1901 wird die Unternehmung durch Gesellschaftsvertrag in eine G.m.b.H. umgewandelt. Die Firma firmiert nun unter „H. Hildebrand & Söhne GmbH“ mit Sitz in Weinheim. Rund 150 Mitarbeiter sind in der unteren Mühle beschäftigt. Der Transport des Getreides erfolgt über die Weschnitztalbahn und mit Fuhrwerken. Neben den firmeneigenen Gespannen werden 40 Lohnfuhrwerke eingesetzt. Eine Betriebskrankenkasse und eine Arbeiter-Unterstützungskasse sind eingerichtet. Im Krankheitsfall erhält jeder Arbeiter pro Tag 80 Pfennige. Unabhängig vom Regellohn wird jedem Arbeiter nach zehnjähriger Betriebszugehörigkeit eine jährliche Zulage von 52 Goldmark gewährt. Wegen der ungünstigen Lage im Hinterland plant Georg Hildebrand die Kanalisierung der Weschnitz. Um die Kosten des umständlichen und teueren Umschlags vom Schiff auf die Eisenbahn bzw. Fuhrwerke (Mehrkosten 26 Pfennige/dz) soll das Getreide mit Lastkähnen Weschnitzaufwärts zur Hildebrandmühle transportiert werden. Das Weschnitz-Ufer wird bis zur Boxerbrücke vermauert, die weiteren Ausbaupläne scheitern jedoch durch die Konkurrenz der neuen Großmühlen im seit 1896 entstehenden Mannheimer Industriehafen.

• 1906 erwirbt Georg Hildebrand im entstehenden Mannheimer Industriehafen ein 26.000 qm großes Grundstück und errichtet dort eine neue leistungsfähige Großmühle mit einer Tageskapazität von 350 Tonnen. In der Unteren Mühle Weinheim werden 210 Tonnen täglich vermahlen.

• 1907 ist Einweihung des Mannheimer Industriehafens. Die Mannheimer Hildebrandmühle nimmt im Frühjahr den Betrieb auf.

• Die Weinheimer Mühle wird zu einer Grieß- und Graupenfabrik umgebaut. Die Unternehmung firmiert nun unter „H Hildebrand & Söhne G.m.b.H. Hartgrießfabrik - Kunstmühlen -Graupenmühle Mannheim und Weinheim“.

• Am 24.02.1909 wird das Wehr der Unteren Mühle durch ein Hochwasser zerstört. Im Sommer 1909 wird das Wehr wiederhergestellt, dabei wird die Krone am rechten Weschnitzufer um sieben cm, die Krone des linksseitigen Ufers um 34 cm höhergelegt.

• Am 26.06.1912 genehmigt das Bezirksamt Weinheim den Einbau von zwei Francis-Schachtturbinen in der Unteren Mühle als Ersatz für die Wasserräder.

• Am 17.08.1912 genehmigt das Bezirksamt den Einbau von zwei „Francis-Spiralturbinen“ (Fabrikat Voith) mit 100 bzw. 46,8 PS statt der ursprünglich genehmigten Schachtturbinen. Das Nutzgefälle wird von 5, 2 m auf 6 m erhöht.

• Am 28.06.1918 erfolgt die Umwandlung der G.m.b.H. in eine Kommanditgesellschaft.

• 1920 wird wegen der schlechten Verkehrslage der Weinheimer Mühlen in Mannheim mit dem Bau einer neuen Roggen,- Graupen- und Hartgrießmühle begonnen.

• 1921 erfolgt der Umzug des Mühlenbetriebes nach Mannheim. Ein Teil der Weinheimer Maschinenausstattung wird in Mannheim aufgestellt, andere Einrichtungsteile übernimmt das Weinheimer Porphyrwerk (Gründer: Georg Hildebrand). Die beiden Weinheimer Mühlen werden stillgelegt und verpachtet.

• 02.07.1924 stirbt im Alter von 85 Jahren Georg Hildebrand in Weinheim. Er wird nahe der Unteren Mühle auf dem alten Weinheimer Friedhof beigesetzt.
Die Untere Mühle steht leer.

• 1928 erfolgt der Verkauf des Unternehmens an die Getreidehandelsfirma H Kampffmeyer für 3.200.000 Mark. Die beiden Weinheimer Mühlen bleiben im Familienbesitz.

• Es erfolgt die Gründung der „Hildebrand‘schen Verwaltung“ durch die Erbengemeinschaft, Geschäftsführer ist der Kaufmann Julius Andreae.

• 1932 erfolgt der Verkauf der Lokomobile aus der Unteren Mühle für 2.000 Mark. Die weitere Verpachtung der Unteren Mühle scheitert wegen ihres schlechten Bauzustandes.

• 1934/35 veranschlagt die an einer Pacht interessierte Fa. Becker die Instandsetzungskosten der Unteren Mühle auf rund 80.000 Reichsmark, der angestrebte Pachtvertrag kommt wegen der Kosten nicht zustande.

• 1935 wird die Untere Mühle zum Abbruch ausgeschrieben.

• 1936 wird die Untere Mühle erneut zum Verkauf angeboten.

• Am 01.08.1938 pachtet Karl Platz die Untere Mühle für eine jährliche Pachtsumme von 4.800 Reichsmark, um eine Holzmehl- Mühle einzurichten. Wegen der dringend notwendigen Instandsetzungsarbeiten wird Karl Platz die Pacht bis 1940 erlassen. Die Fa. Freudenberg mietet bis zum Beginn des II. Weltkriegs
einige Räume an.

• Am 08.04.1939 nimmt die Weinheimer Holzmehl-Mühle Karl Platz & Co. den Betrieb auf. Vermahlen werden Sägespäne aus Buchen- und Fichtenholz für die Herstellung von Kunstharz, Pressstoff, Steinholz, Tapeten und Linoleum. Eine neue Dampfmaschine wird aufgestellt.

• 1940 erfolgt der Einbau von Garagen in der unteren Mühle. Die Werner Andreae gehörende „Jute- und Säckefabrik Heidelberg“ pachtet während des Krieges einen Teil der ungenutzten Mühlengebäude.

• Das Mannheimer Rüstungskommando (Major Engelhorn) beschlagnahmt den Getreide-Speicher und weist die Fa. Böhmer in den Siloturm ein. Wegen des undichten Daches regnet es in die Frucht. Um sich vor aufkommendem Sabotageverdacht zu schützen, lässt Pächter Platz das schadhafte Dach reparieren und ersetzt den der Fa. Böhmer entstandenen Schaden.

• Im April 1945 besetzen Amerikanische Truppen für kurze Zeit die untere Mühle.

• 1950 zahlt die Weinheimer Holzmehl-Mühle Karl Platz & Co. 7.200 DM jährliche Pacht für die Untere Mühle.

• 1951: Die Weinheimer Holzmehl-Mühle Karl Platz & Co. zahlt 8.400 DM jährliche Pacht.

• 31.12.1951: Die „Jute und Säckefabrik“ von Werner Andreae verlässt die Untere Mühle.

• 1952: Die Rhenania Schiffahrts- und Speditionsgesellschaft beginnt mit der Einlagerung von Getreide. Im Turmsilo werden zunächst 2.000 Tonnen gelagert.

• 1953: Die Weinheimer Holzmehl-Mühle Karl Platz & Co. zahlt 10.800 DM jährliche Pacht.

• Am 28.03.1956 lagert die Rhenania Schiffahrts- und Speditionsgesellschaft 7.846 Tonnen Getreide in der Unteren Mühle ein.

• Im Mai 1957 meldet die Weinheimer Holzmehl-Mühle Karl Platz & Co. Vergleich an.

• Der provisorisch reparierte Hauptsilo wird innen aufgestockt, einige Böden der Gebäude A, C und F werden zusätzlich für die Einlagerung von Getreide umgebaut.

• Am 26.11.1960 lagert die Rhenania Schiffahrts- und Speditionsgesellschaft 8.643,952 Tonnen Getreide in der Unteren Mühle ein.

• 1966 sind die Wohngebäude der Hildebrand’schen Mühle an verschiedene Familien vermietet. Die Gleisanlagen der Unteren Mühle und die Verladerampe werden umgebaut.

• 1969 schreibt Fritz Platz in einem Brief an die Erbengemeinschaft über die Untere Mühle: „Ein kleiner Teil der sehr alten Gebäude wurde nicht mehr hergerichtet und liegt brach [..]“.

• Im Okt. 1977 sind in der Unteren Mühle sind 5.403.347 kg Getreide eingelagert.

• 1982 wird die Getreide-Einlagerung in der unteren Mühle durch die „Rhenania Schiffahrts- und Speditionsgesellschaft“ endgültig eingestellt.

• Im Okt. 1987 legte das Landesdenkmalamt den Entwurf für die Aufnahme einiger Mühlengebäude in die Liste der Kulturdenkmäler vor (Siloturm, Verwaltergebäude, Villa, straßenseitige Fassade, Maschinenhaus).Die genannten Gebäude wurden unter Denkmalschutz gestellt. 1994 wurden jedoch Abrissgenehmigungen für alle Gebäude außer Villa und Siloturm erteilt. Nicht nur aus formalen Gründen indessen bleibt der Denkmalschutz bis zum Abbruch weiter bestehen; es könnte sich ja ein Interessent fi nden, der gewillt ist, auch diese Bauten zu erhalten.

• Im Dez. 1989 erfolgt durch die Erbengemeinschaft Hildebrand/Platz der Verkauf der Mühle an die Fa. Ansin, Heide und Knapp (Bad Homburg) für 1,7 Millionen D-Mark.

• Das Ehepaar Illona und Karl Römer (Worms) erwirbt die Wasserrechte und die stillstehenden Turbinenanlagen der Mühle. Gründung der „Wasserkraftwerk Hildebrand’sche Untermühle”. Der Gesamtwirkungsgrad beider Turbinen (Fabrikat Voith, Baujahr 1912 liegt bei 70% bei 100 Kilowatt. Rund 100 Haushalte können mit Strom beliefert werden.

• Am 30.05.1990 beantragen die neuen Eigentümer eine Baugenehmigung für die neue Weschnitzbrücke, um den geplanten teilweisen Abbruch, Um- und Neubau durchführen zu können.

• Im Aug. 1990 wird die Baugenehmigung erteilt.

• Am 20.09.1991wird ein Teilabbruch der unteren Mühle beantragt.

• Am 21.09.1991 ist die Einweihung des Wasserkraftwerks in der Unteren Mühle.

• 1992 erfolgt die Erteilung der Abbruchgenehmigung.

• Am 13.08.1993 ist die erteilte Baugenehmigung für den Neubau der Weschnitzbrücke an der unteren Mühle abgelaufen.

• 1995 werden die ersten Baupläne durch „Wönkhaus“ und „Stadt-Bau-Plan Krieger, Greulich und Partner“ (Darmstadt) vorgelegt.

• Am 16.07.1995 ist der Ablauf der Abbruchgenehmigung. Eine Verlängerung der Frist wird von der Fa. Ansin, Heide, Knapp nicht beantragt.

• Am 01.02.2002 wird die alte Mühlwegbrücke abgerissen.

• Vorschläge zur künftigen Nutzung gab es zuhauf. Ein Altersheim, ein Hotel, Büros, Arztpraxen, Wohnungen und sogar das Technische Landesmuseum sollten hinter den Mühlenmauern untergebracht werden.

• 1997 wurde beantragt, ein Hochhaus mit insgesamt 14 Geschossen etwa 36 Meter parallel zu dem alten Siloturm hochzuziehen. Das Fundament würde eine viergeschossige Hochgarage bilden, womit das neue Gebäude eine Höhe von rund 50 Meter erreichen würde. Vor diese Garage sollte ein dreigeschossiges
Gewerbegebäude gesetzt werden, im Bereich des Maschinenhauses war ein gewerblich genutzter Neubau geplant. Die Villa und der Siloturm sollten saniert und im Inneren umgestaltet werden. Elf Gemeinderäte lehnten die Bauvoranfrage schließlich ab, vier sprachen sich dafür aus. Sieben enthielten sich ihrer Stimme.

• Anfang 1998 wurden neue Pläne von zwei Architekten aus Darmstadt vorgelegt. Ein länglicher, sowohl in sich als auch höhengegliederter und 25 Meter hoher Baukörper soll sich in großem Abstand vom Siloturm den Hang hochstaffeln und Raum für etwa 40 Wohnungen bieten und ein vorgelagerter zwei - bis dreigeschossiger Ergänzungsbau den durch die Höhenreduzierung entstandenen Nutzungsfl ächenverlust des Hauptbaus ausgleichen. Das Projekt wurde genehmigt, aber nicht realisiert.

• Im Feb. 2004 stellen die Rainer Knapp/Michael Zollner GbR eine Bauvoranfrage zwecks Einrichtung eines Bordellbetriebs in der Unteren Mühle. Die GbR plant laut amtlichem Schreiben eine „Freizeiteinrichtung (Vergnügungsstätte) mit der Möglichkeit - gegen Vergütung - Verträge über sexuelle Dienstleistungen
abzuschließen. Es soll ein Bordell mit rund 40 Zimmern und angeschlossenem Restaurations- und Badebetrieb entstehen. Bürgermeister Dr. Wolfgang Androsch erklärte gegenüber der WN, dass die bestehende Villa restauriert werden soll und über dem Turbinenhaus ein Neubau geplant ist, nämlich ein dreigeschossiger Anbau auf Stelzen unter der Firsthöhe der Villa, die mit dem Neubau verbunden wird. Auf den Eingangsbereich folgen im l. OG Säle mit Cateringservice zur Verpfl egung, eine große Poollandschaft mit Sauna oder Dampfbad und Sitznischen. Im 2. OG sind sechs Appartements „für die Damen, die da auch wohnen“, 20 so genannte „Ruheräume“ sowie ein kleiner Wellnessbereich mit Massage- und Fitnessangeboten geplant, im neuen Bereich soll es weitere 20 „Ruheräume“ samt Wellness geben. Im Vorbereich am Eingang zum Betrieb, wo die Kontrolle erfolgt und Minderjährigen der Zutritt verweigert wird, sind 20 Stellplätze vorgesehen, weitere 60 Stellplätze mit Parkdecklösung soll es im hinteren Bereich des Areals geben.

• Am 31.03.2004 beschließt der Weinheimer Gemeinderat die Aufstellung eines Bebauungsplans für die Untere Mühle. Der Gemeindrat hat folgenden Beschluss gefasst: „Der Gemeinderat beschließt die Aufstellung des Bebauungsplanes Nr. 117 „Mühlweg/Hildebrand´sche Mühle“ für die in der Vorlage dargestellten städtebaulichen Ziele und vorläufi gen Gebietsabgrenzungen. Die Bauvoranfrage Mühlweg 12 zur Umnutzung der Hildebrand´schen Mühle wird nach § 15 Baugesetzbuch für die Dauer eines Jahres zurückgestellt“.

• Am 21.4.04 erging der weitere Gemeinderatsbeschluss: „Die Entscheidung über den Bauantrag wird zurückgestellt. Der Beschluss ist sofort vollziehbar“.

• Gegen den Gemeinderatsbeschluss erhob die Antragstellerin (Rainer Knapp/Michael Zollner GbR) erwartungsgemäß Klage.

• Am 12.7.04 erklärte der Oberbürgermeister bei einer Podiumsdiskussion im Martin-Luther-Haus, die Stadtverwaltung wolle sich auf eine „Sperrbezirksregelung“ konzentrieren. In diesem Zusammenhang könnten durch „Zirkelschläge“ um sensible Bereiche bestimmte „Toleranzzonen“ innerhalb des Stadtgebietes ausgewiesen werden, in denen ein Bordellbetrieb erlaubt sei. Beispiele dafür gebe es schon in anderen badenwürttembergischen Kommunen. (WN vom 14.7.2004, RNZ vom16.7.2004)

• Auf die Klage erging am 7.12.2004 folgender Beschluss des Verwaltungsgerichts Karlsruhe: „Die aufschiebende Wirkung der Klage gegen die Zurückstellungsentscheidung wird wiederhergestellt“. Aus den Gründen: Der Bebauungsplan enthält noch kein Mindestmaß konkreter planerischer Vorstellung. Er enthält bisher nur unverbindliche Vorstellungen über den Charakter des Plangebiets. Wörtlich: Die Planung lässt nicht einmal „ein Mindestmaß dessen erkennen, was Inhalt des zu erwartenden Bebauungsplans sein soll“. Jetzt muss die Stadt Weinheim unverzüglich entscheiden.

Recherche/Copyright: Bernd Fillafer@PRO-DENKMAL e.V. Mannheim; teilw. Hans Bayer@Bündnis für Weinheim



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Zeittafel zur Firmengeschichte

1500
Erste urkundliche Erwähnung der späteren Hildebrandmühle in Weinheim. Die auch „Klostermühle“ genannte untere Mühle im Tal der Weschnitz gehört den Müllern Hornig und Pfau.

1554
Die Mühle wird an den Müller Seitz verkauft, seither wird die Mühle auch “Seitzenmühle“ genannt.

1839
Adam Pfrang und Genossen werden als Besitzer der Seitzenmühle urkundlich erwähnt.

27.03.1845
Die aus einem alten Wormser Müllergeschlecht stammenden Brüder Heinrich und Louis Hildebrand (Kaiser-Mühle in Worms) erwerben die Seitzenmühle.

16.06.1845
Das Weinheimer Bezirksamt genehmigt den Brüdern Heinrich und Louis Hildebrand den Teilabbruch der vorhandenen Gebäude und die Errichtung eines „Wohnhaus- und Ölmühlbau’s“.

1848
In der unteren Mühle wird Gerste gerollt und auf vier Gängen Roggen und Weizen gemahlen.

Nov. 1858
Der Bau eines Mühlkanals wird behördlich genehmigt. Die Brüder Hildebrand beginnen mit der Einrichtung des Großmühlenbetriebs.

1857
Louis Hildebrand scheidet aus dem Mühlenbetrieb aus.

07.11.1861
Die Verlängerung des Mühlkanals flußabwärts wird genehmigt.

1865
Zur Unterstützung der Wasserkraft wird eine Dampfmaschine angeschafft.

1866
Georg Hildebrand übernimmt die Leitung der unteren Mühle.

14.04.1874
Georg Hildebrand erwirbt die Kinscherf’sche Mühle für 60.000 Gulden..

1875 – 1895
wird insgesamt dreimal der Maschinenpark erneuert.

20.02.1879
Der Bau eines Steges über die Weschnitz zur Mühle wird genehmigt.

1880
In den beiden Mühlen werden 55 Arbeiter beschäftigt, Das Vermahlungsquantumliegt bei 70- 80.000 dz.

1882
Bau des noch heute stehenden repräsentativen Wohnhauses in der unteren Mühle.

26.01.1883
Georg Hildebrand erwirbt für 28.000 Mark die Goos-Mühle. Zusammenlegung der Kinscherf’schen und Goos-Mühle zur oberen Mühle.

09.09.1883
Tod von Heinrich Hildebrand.

1884
Die Gesamtmahlleistung der beiden Mühlenbetriebe erreicht 1.500 dz /Tag.

1891
Georg Hildebrand lernt auf einer Englandreise die „automati­sche Müllerei“ kennen und führt diese in Weinheim ein. Eine neu angeschaffte Dampfmaschine hat eine Leistung von 250 PS.

1895
Nach Plänen von Otto Haßlinger wird in der unteren Mühle der 40 m hohe Siloturm mit einem Fassungsvermögen von 5.000 Tonnen (50.000 Sack Mehl) erbaut. Die Bauarbeiten übernimmt die Firma Georg Hopp. Die wöchentliche Mahlleistung liegt bei 10.000 Sack Getreide.

1899
In der unteren Mühle werden 133 Mitarbeiter beschäftigt. Mit 58 Weizenstühlen werden 5.888.000 dz Getreide vermahlen.

19.01.1901
Durch Gesellschaftervertrag wird das Unternehmen in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt und firmiert nun „H. Hildebrand & Söhne G.m.b.H“ mit Sitz in Weinheim. Die Firma beschäftigt ca. 150 Mitarbeiter.

1906
Georg Hildebrand erwirbt im Mannheimer Industriehafen ein 26.000 qm großes Gelände und läßt dort eine neue Großmühle mit einer täglichen Mahlkapazität von 350 Tonnen errichten.
In der unteren Mühle Weinheim werden täglich 210 Tonnen vermahlen.
Julius Andrae1 tritt in die Unternehmung ein.

März 1907
Die Mannheimer Hildebrandmühle nimmt ihren Betrieb auf. Die beiden Weinheimer Mühlen werden zu einer Grieß- und Graupenmühle umgebaut. Das Unternehmen firmiert nun„H. Hildebrand & Söhne G.m.b.H. Hartgriesfabrik – Kunstmühlen – Graupenmühle Mannheim und Weinheim“.

1910
In der oberen Mühle werden zwei Francis-Spiralturbinen2 mit 95,6 und 58 PS eingebaut.

Aug. 1912
In der unteren Mühle werden zwei Francis-Spiralturbinen mit 100- bzw. 46,8 PS anstelle der Wasserräder eingebaut.

1914
Eine für die Firma Hildebrand & Söhne bestimmte Schiffsladung Gerste wird durch ein britisches Kriegsschiff aufgebracht3.

28.6.1918
Die Unternehmung wird in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt.

1920
In der Hildebrandmühle Mannheim werden eine Roggen-, Hartgries- und Graupenmühle eingerichtet.

1921
Die neuen Roggen-, Graupen- und Hartgriesmühlen in der Mannheimer Mühle nehmen den Betrieb auf. Stillegung der beiden Weinheimer Mühlen.

02.07.1924
Kommerzienrat Georg Hildebrand stirbt in Weinheim.

1928
Die Berliner Getreidehandelsfirma E. Kampffmeyer erwirbt die Mannheimer Hildebrandmühlen für 3,2 Millionen Reichsmark. Das Unternehmen firmiert nun unter H. Hildebrand & Söhne Mannheim. Die beiden Weinheimer Mühlen bleiben im Familienbesitz.
Gründung der Hildebrand’schen Verwaltung durch die Erbengemeinschaft Hildebrand. Geschäftsführer wird Julius Andrae.

1930
H. Hildebrand & Söhne fusionieren mit den Rheinmühlenwerken Mannheim, die bereits seit 1924 zu E.Kampffmeyer gehören. Der Mahlbetrieb in den Rheinmühlenwerken im Handelshafen (Rheinmühlenstraße) wird eingestellt. Das Unternehmen firmiert nun unter „Hildebrand Rheinmühlenwerke A.G.“

01.05.1938
Die Hildebrand Rheinmühlenwerke A.G. werden als „nationalsozialistischer Musterbetrieb“ mit dem „Gaudiplom“ ausgezeichnet.

1945
Während des Zweiten Weltkriegs wird der Silo der Mannheimer Hildebrandmühle durch Bomben beschädigt. Nach Kriegsende wird der Silo wieder aufgebaut und aufgestockt.

Die Mannheimer Mühle verlegt das Schwergewicht ihrer Produktion nun auf die Herstellung von Bäckermehl.

1956
Nach einem größeren Schaden an der Dampfkesselanlage wird die Mannheimer Hildebrandmühle auf vollelektrischen4 Mühlenbetrieb umge­stellt.

1980
Die Hildebrandmühle beschäftigt rund 200 Mitarbeiter. Im Drei-Schichten-Betrieb werden jährlich 200.000 Tonnen Getreide vermahlen.

1985
Das Unternehmen firmiert „Kampffmeyer Mühlen GmbH Hildebrandmühlen“.

1989
Inbetriebnahme einer neuen Durum-Mühle (Hartweizenmühle) mit einer Vermahlungskapazität von 250 Tonnen pro Tag. Baukosten rund 20 Millionen DM.
Das Mannheimer Unternehmen beschäftigt 110 Mitarbeiter. Sie erzielen einen Jahresumsatz (1989) von 110 Millionen DM; im Geschäftsjahr 1989 werden 150 000 Tonnen Getreide vermahlen. Die Kampffmeyer Mühlen GmbH Hamburg erzielen 1989 über 700 Millionen Mark Jahresumsatz. Die Vermahlleistung aller Kampffmeyer-Mühlen beläut sich 1989 auf rund 950 000 Tonnen.
Die Kampffmeyer Mühlen GmbH ist eine hundertprozentige Beteiligung der VK Vereinigte Kunstmühlen AG Landshut Rosenheim, deren Stammkapital (39,6 Millionen DM) befindet sich überwiegend in genossenschaftlicher Hand. Aufsichtsratsvorsitzender der Vereinigten Kunstmühlen AG ist 1990 Helmut Guthardt, Vorstandsvorsitzender der DG-Bank. Zum Unternehmen Kampffmeyer Mühlen GmbH Hamburg gehören u.a. Müller‘s Mühle GmbH in Gelsenkirchen und die DEUKA Deutsche Kraftfutter GmbH Düsseldorf.

1992
Bau einer zweiten Durum-Mühle in Mannheim.

01.03.1993
Der Teilabbruch der alten Hildebrand Mühle in Mannheim beginnt. In zwei Etappen wird das 1906 errichtete, denkmalgeschützte Mühlengebäude abgerissen, der Silo bleibt vorläufig erhalten.

Mitte 1993
Die neue Durum-Mühle nimmt den Betrieb auf. In Mannheim wird nun nur noch Durum-Weizen vermahlen. Die Weichweizenmühle wird in andere Standorte des Unternehmens (Köln und Frankfurt/Main) verlegt. 54 Mitarbeiter werden in Mannheim entlassen.

Recherche/Copyright: Bernd Fillafer, PRO-DENKMAL e.V. Mannheim



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Baugeschichte der Hildebrandschen Mühle

Baudenkmäler Weinheims: TeiI II
Author: Heike Pressler
Baugeschichte der Hildebrandschen Mühle

(hp). Die Hildebrand-Mühle ilegt gesetzt rnan die 1882 erbaute und fast flach am Austritt der Weschnitz und des Birkenauer Tals in die Rheinebene. Die Gebäude drängen sich auf engstem Raum, sozusagen „eingeklemmt“ zwischen linkem Weschnitzufer und dem steil aufragenden Wachenberg. Im Norden befindet sich eine ehemalige Haltestelle der Odenwaldbahn und etwa 100 Meter flußaufwärts eine Eisenbahnbrücke, die die Bahnlinie vom linken zum rechten Weschnitzufer überleitet.Weiter östlich, kurz vor dieser Brücke, zweigen Schienen ab. Sie bildeten den Bahnanschluß für die Mühle, welcher südlich an dieser entlanggeführt ist und erst am westlichen Abschluß der Mühle endet. Topografisch betrachtet bildet die Hildebrand-Mühle einen beeindruckenden Auftakt im Birkenauer Tal, dem entlang der Streckenführung der 1895 vollendeten Odenwaldbahn der frühindustriell geprägte Steinabbau und drei weitere Mühlenanlagen folgen.

Aus vielerlei Gründen insbesondere natürlich aus denkmalpflegerischer Sicht, sind die interessanten, beeindruckenden und mächtigen Gebäude der Mühle schützens- und erhaltenswert. Einzigartig ist der nahezu unveränderte Baubestand, bedingt durch die frühe Verlegung des Betriebs, welche freilich gleichwohl ihr Verhängnis war: Bisher zwar verschont geblieben von Umbauten oder vom Rückbau (eine beschönigende Bezeichnung für Abriss), stellt sie eines der bedeutendsten Baudenkmäler des Historistins im Rhein-Neckar Dreieck dar, das zur Ruine verfällt.

Gerade weil sie ein Fabrikanbau ist, hebt sich die vollkommen erhaltene Villa stilistisch von den restlichen Gebäuden ab: Sie ist in bürgerlich-feudalen Formen der Neurenaissance gehalten, erstreckt sich als Kopfbau derkilage L-förmig über zwei Flügel und bildet mit den angrenzenden Lagerräumen einen Innenhof. In Verbindung mit einer überaus reichen Innenausstattung repräsentiert sie Lebensstil, Firmenführung und somit das patriarchalische Selbstverständnis eines Firmenherren der Gründerzeit im kaiserzeitlichen Deutschland. Bemerkenswert auch der Wandel in der Architekturauffassung, der sich beim Vergleich der prunkvollen Villa mit dem etwa 50 Jahre älteren, biedermeierlichen Verwalterhaus offenbart. Dieser eingeschossige und dem Ensemble westlich vorgelagerte Solitärbau verdeutlicht den bescheidenen Wohlstand eines bürgerlichen Anwesens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die sich entlang des Weschnitzufers erstreckenden mehrgeschossigen Produktions- und Lagerbauten haben meist einfache Putzfassaden mit aufgemauerter Attika, sandsteingefassten Fenstergewänden und schlichten backsteingemauerten Gesims- und Eckgliederungen. Darüber erheben sich teilweise Gebäude mit Eisenfachwerk und Backsteinausfachungen, die Ihren rein funktionalen Charakter keinesfalls verschleiern. Das Maschinenhaus mit dem hohen Schornstein und den großen Fenstern sowie der westlich vorgelagerten, risalitartig vorspringende Bauten mit seinen hohen Geschossen und der reichsten Fassade der Weschnitzfront beschließen östlich den Komplex.

Als Kern und Krönung der Mühlenanlage ragt der Siloturm weit über die in der Höhe gestaffelten Bauten hinaus. Er bildet die städtebauliche wichtigste Dominante direkt am Talausgang und korrespondiert auf reizvolle Weise mit den stilistisch verwandten neoromanischen Türmen der Peterskirche und der Wachenburg. Sein burgenartiger Charakter ist ebenso wie die Klinkerfassade ein zeittypisches Erscheinungsbild der Industiearchitektur gerade bei Silos oder anderen Turmbauten im wilhelminischen Deutschland. Die rein funktional bestimmte Nutzung wird mit einer spätromantisch verklärten, wehrhaften Burgenfassade verhüllt. Zugleich ist diese Festung stolzer Ausdruck patriarchalischer und kapitalistisch-imperialistscher Bedeutung solcher Industrieanlagen.

So dokumentiert die Hildebrand'sche Mühle, gelegen am wahrscheinlich ältesten historischen Standort aller Weinheimer Mühlen, gleich einem organisch gewachsenen Organismus die rasche, nur etwa 50 Jahre andauernde Entwicklung zu einer der größten Kunstmühlen Europas, den Wohlstand und Selbstverständnis eines gründerzeitlichen Mühlenimperiums und die repräsentative Architekturauffassung des Historismus. Durch ihren ebenso raschen Niedergang ist das seit rund hundert Jahren bestehende, leider mittlerweile ruinöse äußere Erscheinungsbild unverändert erhalten. Das Ensemble ist das Schmuckstück seiner Zeit und als Sachgesamtheit denkmalgeschützt. Mit der Begründung, daß Erhalt bzw Sanierung aus bautechnischen und Kostengründen für den Eigentümer nicht mehr zumutbar sind, wurden inzwischen jedoch Abrißgenehmigungen für alle Gebäude außer Villa und Siloturm erteilt. Nicht nur aus formalen Gründen indessen bleibt der Denkmalschutz bis zum Abbruch weiterbestehen, es könnte sich ja ein Interessent finden, der gewillt ist, auch diese Bauten zu erhalten­



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Letzte Aktualisierung am 25.09.2008